Die Bedenken rund um W Social und Bluesky nehmen zu, während die europäische Alternative zu X ihre Abhängigkeit von einer in den USA entwickelten Infrastruktur verteidigt. Die Plattform präsentiert sich als europäisches soziales Netzwerk mit Fokus auf Vertrauen, Datenschutz und digitale Souveränität. Gleichzeitig basiert der Dienst auf dem AT Protocol, das vom US-Unternehmen Bluesky Social PBC entwickelt wurde.

Diese Entscheidung hat Kritik ausgelöst. Einige Beobachter sind der Ansicht, dass dieses Modell W Socials Anspruch auf ein souveränes europäisches Netzwerk schwächt. Geschäftsführerin Anna Zeiter weist diese Kritik zurück. Sie erklärt, das Unternehmen habe schnell auf den Markt kommen müssen und habe nicht mehrere Jahre warten können, um jede technische Komponente selbst zu entwickeln.

Die Bluesky-Infrastruktur half W Social beim schnellen Wachstum

W Social nutzt das AT Protocol – dieselbe Technologie, auf der auch Bluesky basiert. Dadurch ist die Plattform mit Bluesky, EuroSky und anderen Diensten kompatibel, die ebenfalls dieses Protokoll verwenden.

Dadurch können Nutzer dieser Plattformen die öffentlichen Beiträge der jeweils anderen sehen. Laut Zeiter verschaffte dies W Social Zugang zu einem bestehenden Netzwerk mit mehr als 43 Millionen Nutzern.

Die Entwicklung einer eigenen Plattform hätte mehrere Jahre gedauert. Deshalb entschied sich das Unternehmen für ein bestehendes Protokoll und konzentrierte sich stattdessen auf den Aufbau einer eigenen europäischen Infrastruktur.

Zeiter betont, Europa brauche jetzt eine Alternative zu den etablierten sozialen Netzwerken und nicht erst in drei oder fünf Jahren. Sie beschreibt die Strategie als die Kombination der Vorteile aus zwei Welten.

W Social betont, dass europäische Infrastruktur weiterhin Priorität hat

Obwohl W Social auf dem AT Protocol basiert, erklärt das Unternehmen, dass es wichtige Teile seiner technischen Infrastruktur selbst kontrolliert.

Der Personal Data Server des Unternehmens wird von einem europäischen Anbieter betrieben. Darüber hinaus nutzt W Social den Schweizer Anbieter Proton für E-Mail- und Kalenderdienste.

Zeiter erklärt, dass W Social so unabhängig wie möglich bleiben möchte. Außerdem setze das Unternehmen überall dort auf europäische Infrastruktur, wo dies möglich sei.

Zusätzlich entwickelt W Social einen eigenen App View Server. Dadurch sollen künftig noch mehr Daten auf europäischen Servern gespeichert werden.

Verifizierte Nutzer erhalten einen eigenen Feed

W Social wirbt damit, eine Plattform mit weniger Bots zu sein. Die Verbindung zu Bluesky hat jedoch Fragen aufgeworfen, da Bluesky keine strenge Identitätsprüfung verlangt.

Zeiter erklärt, dass W Social dieses Problem durch getrennte Feeds löst.

Ein Feed zeigt ausschließlich verifizierte W-Social-Nutzer an. Der zweite Feed enthält Beiträge von Bluesky, EuroSky und anderen Plattformen, die das AT Protocol nutzen. Dort können auch Nutzer erscheinen, die ihre Identität nicht verifiziert haben.

Das Unternehmen könnte künftig strengere Schutzmaßnahmen einführen. Laut Zeiter werde dies von den Wünschen der Nutzer abhängen.

Bisher gibt es nur wenige Daten zur Bot-Aktivität auf Bluesky. Eine Studie aus dem Jahr 2025 zeigte jedoch, dass die Moderationssysteme von Bluesky zahlreiche botähnliche Konten erkannten und als Spam markierten oder sperrten.

Die Aussage zur europäischen Datenspeicherung hat Grenzen

W Social erklärt, die Plattform werde in Europa gehostet. Forscher von Cybernews weisen jedoch darauf hin, dass diese Aussage differenziert betrachtet werden müsse.

Kontodaten wie E-Mail-Adressen und Benutzernamen können in Europa gespeichert werden. Öffentliche Beiträge können jedoch weiterhin innerhalb des gesamten AT-Protocol-Netzwerks verbreitet werden.

Eine Analyse von Cybernews zeigt, dass einige Dienste außerhalb der vollständigen Kontrolle von W Social liegen. Dazu gehören unter anderem die Suche, die Feed-Erstellung, die Inhaltsbereitstellung und die Netzwerkindexierung.

Der Sicherheitsforscher Aras Nazarovas erklärt, dass nutzergenerierte Inhalte auch außerhalb der EU synchronisiert und gespeichert werden können. Dadurch habe W Social möglicherweise keine vollständige Kontrolle über sämtliche Kopien öffentlicher Beiträge.

Das könne sich auch auf Löschanfragen auswirken. Selbst wenn ein Nutzer sein Konto löscht, könnten Teile der öffentlichen Inhalte weiterhin innerhalb der Bluesky-Infrastruktur vorhanden sein.

Zeiter betont, dass sich Nutzer dieses Umstands bewusst sein müssten. Alles, was öffentlich auf W Social veröffentlicht werde, sei im gesamten AT-Protocol-Netzwerk sichtbar.

Die Verbindung zu Bluesky bedeutet einen Kompromiss bei der Souveränität

Die Verbindung zwischen W Social und Bluesky verschafft der Plattform Reichweite und beschleunigt ihr Wachstum. Gleichzeitig bringt sie jedoch einen Kompromiss im Hinblick auf die digitale Souveränität mit sich.

W Social erhält Zugang zu einem großen dezentralen Netzwerk und spart mehrere Jahre eigener Softwareentwicklung. Gleichzeitig bleiben Teile der Datenverarbeitung und einige Dienste vom breiteren AT-Protocol-Ökosystem abhängig.

Dadurch wird die Plattform offener und besser skalierbar. Gleichzeitig wird eine vollständige europäische Kontrolle schwieriger.

Genau dieses Spannungsfeld steht im Mittelpunkt der Debatte. W Social möchte eine europäische Alternative zu X schaffen, setzt dabei jedoch auf Technologie eines US-Unternehmens.

W Social erklärt, keine Passdaten zu speichern

Die größte Kritik an W Social betrifft die Identitätsprüfung.

Nutzer können sich über die App W Identity verifizieren. Dabei können ein Reisepass oder biometrische Daten, beispielsweise ein Selfie, erforderlich sein.

Zeiter erklärt, dass W Social keine Passdaten speichere. Das Dokument werde ausschließlich genutzt, um zu überprüfen, ob der Nutzer eine echte Person und mindestens 18 Jahre alt sei.

Nach Abschluss der Verifizierung lösche das Unternehmen die Dokumente von seinen Servern. Zeiter vergleicht den Vorgang mit dem Vorzeigen eines Ausweises in einem Nachtclub oder beim Kauf von Alkohol.

Außerdem könnten Nutzer selbst entscheiden, ob sie ihren echten Namen verwenden möchten.

Experten warnen, dass biometrische Prüfungen weiterhin Risiken bergen

Sicherheitsexperten bleiben dennoch vorsichtig.

Der Cybernews-Forscher Arnoldas Radišauskas warnt, dass das Hochladen von Pässen und biometrischen Daten erhebliche Datenschutzrisiken mit sich bringe. Ein Passwort könne man ändern. Ein Gesicht oder eine Passnummer hingegen nicht.

Diese Sorge bleibe bestehen, auch wenn W Social erkläre, die Dokumente nicht zu speichern.

Zeiter erklärt, dass interne Daten verschlüsselt und gehasht werden. Dadurch entstehe ein eindeutiger digitaler Fingerabdruck, der sich mit heutiger Technologie nicht zurückrechnen lasse.

Die Debatte verdeutlicht zugleich ein größeres Problem. Plattformen möchten Bots und gefälschte Konten verhindern. Gleichzeitig können strengere Identitätsprüfungen neue Datenschutzrisiken schaffen.

Anonyme Nutzer können W Social weiterhin nutzen

W Social verpflichtet nicht alle Nutzer zur Identitätsprüfung.

Es ist möglich, mit einer E-Mail-Adresse und einem Benutzernamen ein anonymes Konto zu erstellen. Zeiter betont, dass dies insbesondere für Menschen in Diktaturen oder unsicheren Umgebungen wichtig sei.

Anonyme Nutzer müssen jedoch Einschränkungen akzeptieren.

Sie können Beiträge lesen und mit „Gefällt mir“ markieren. Ihre Aktivitäten fließen jedoch nicht in den Algorithmus ein. Außerdem können sie die öffentliche Meinungsbildung auf der Plattform nicht vollständig beeinflussen.

Zeiter erklärt, dass diese Einschränkungen Bot-Wellen verhindern und gleichzeitig anonymen Zugang ermöglichen sollen.

W Social verteidigt sein gewinnorientiertes Geschäftsmodell

Auch das gewinnorientierte Geschäftsmodell von W Social wurde kritisiert.

EuroSky, das ebenfalls auf dem AT Protocol basiert, wird als gemeinnützige Organisation von der niederländischen Modal Foundation betrieben. W Social hat sich bewusst für einen anderen Weg entschieden.

Zeiter erklärt, dass diese Entscheidung bewusst getroffen wurde. Ein ernstzunehmender europäischer Konkurrent für X benötige private Investitionen.

Außerdem konkurriere W Social mit einem Unternehmen, das einem der reichsten Menschen der Welt gehöre. Zuschüsse und Spenden allein reichten ihrer Ansicht nach nicht aus.

W Social steht vor einer schwierigen Herausforderung

W Social versucht, mehrere Probleme gleichzeitig zu lösen.

Das Unternehmen möchte eine europäische Alternative zu X schaffen. Gleichzeitig will es Bots reduzieren, die Privatsphäre der Nutzer schützen und schnell wachsen. Deshalb entschied sich das Unternehmen für das AT Protocol von Bluesky, anstatt eine eigene Plattform von Grund auf zu entwickeln.

Diese Entscheidung verschafft W Social Geschwindigkeit und Reichweite. Gleichzeitig wirft sie Fragen zur digitalen Souveränität und zur Kontrolle über Daten auf.

Die Debatte um W Social und Bluesky dürfte sich mit dem weiteren Wachstum der Plattform fortsetzen. Ob das Projekt erfolgreich sein wird, hängt letztlich davon ab, wie viel Infrastruktur das Unternehmen nach Europa verlagern kann, ohne die Vorteile eines offenen Netzwerks zu verlieren.


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