Nur wenige Tage nach Inkrafttreten des neuen britischen Online-Sicherheitsgesetzes steigen VPN-Downloads sprunghaft an – und Wikipedia klagt gegen die Maßnahmen. Die Gesetzesverschärfung, die Minderjährige vor schädlichen Inhalten schützen soll, treibt Erwachsene zu digitalen Umgehungslösungen und entfacht eine hitzige Datenschutzdebatte.

VPN-Downloads in Großbritannien schießen in die Höhe

Seit das „Online Safety Act“ am 25. Juli in Kraft getreten ist, verlangen Tausende Websites – darunter Reddit, TikTok und X – von Nutzern eine Altersverifikation. Um eingeschränkte Inhalte zu sehen, müssen britische Nutzer einen Ausweis oder Kreditkartendaten hochladen.

Daraufhin schnellten VPN-Suchanfragen in Großbritannien in die Höhe. Laut dem Schweizer Anbieter Proton stiegen die täglichen Anmeldungen aus dem Vereinigten Königreich um 1.800 %. Das Unternehmen erklärte, solche Verkehrsspitzen träten sonst nur bei zivilen Unruhen auf.

„Das zeigt eindeutig, dass Erwachsene sich Sorgen über die Auswirkungen allgemeiner Altersverifikationspflichten auf ihre Privatsphäre machen“, sagte Proton gegenüber der Financial Times.

Die britische Medienaufsicht Ofcom warnte Plattformen, dass sie keine Tools wie VPNs bewerben dürften, um diese Regeln zu umgehen. Dennoch greifen viele Briten zur Selbsthilfe.

Datenschutz vs. Schutzmaßnahmen

Befürworter des Gesetzes argumentieren, dass Altersverifikation Kinder besser vor schädlichen Inhalten schützt. Ziel ist der Zugang zu pornografischen Inhalten, Selbstverletzung und Cybermobbing – Plattformen müssen sicherstellen, dass Nutzer über 18 Jahre alt sind.

Kritiker hingegen sehen die Privatsphäre in Gefahr. VPNs bieten zwar eine kurzfristige Lösung, doch einige Anbieter speichern Nutzerdaten oder leiten den Datenverkehr unsicher weiter. Cyberkriminelle haben VPNs sogar genutzt, um Bandbreite zu stehlen.

Plattformen, die die Vorschriften nicht einhalten, drohen Geldstrafen von bis zu 18 Millionen Pfund oder 10 % des weltweiten Umsatzes.

Wikipedia klagt gegen die Auflagen

Eine der lautesten Kritiker ist Wikipedia, das derzeit eine Klage gegen Ofcom führt. Die Wikimedia Foundation warnt, dass die Plattform als „Hochrisiko“-Dienst der Kategorie 1 eingestuft werden könnte. Dies würde bedeuten:

  • Altersverifikation für Leser
  • Identitätsprüfung für Mitwirkende
  • Entfernung von vage definierten „schädlichen“ Inhalten

Wikipedia warnt, dass dies das globale Freiwilligennetzwerk gefährde und Zensur Tür und Tor öffne. Böswillige Akteure könnten das System ausnutzen, um die Löschung von sachlichen oder politisch sensiblen Inhalten zu verlangen.

Ein Gericht in Großbritannien verhandelte den Fall am 22. und 23. Juli. Sollte Wikipedia unterliegen und sich weigern, die Auflagen zu erfüllen, droht eine vollständige Blockierung der Seite im Vereinigten Königreich.

Öffentlicher Widerstand wächst

Eine Petition zur Abschaffung des Gesetzes hat bereits über 280.000 Unterschriften gesammelt. Da sie damit die Schwelle von 100.000 überschritten hat, muss das Parlament nun offiziell darauf reagieren und könnte eine Debatte einleiten.

Auch Pornhub hat das Gesetz kritisiert – mit Verweis auf Risiken wie Identitätsdiebstahl und Datenschutzverletzungen. „Die Umsetzung dieser Gesetze ist ineffektiv und gefährdet die Privatsphäre der Nutzer“, erklärte die Plattform.

Fazit

Das neue britische Sicherheitsgesetz sollte eigentlich Kinder schützen – doch stattdessen löste es einen VPN-Boom und juristische Auseinandersetzungen aus. Während Datenschützer zurückschlagen und Gerichte entscheiden, bleibt unklar, wie es um die digitale Freiheit im Vereinigten Königreich künftig steht.


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